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Das letzte der vier Schlösser rastete ein.

Er ließ seine Finger über den Messingschlüssel gleiten und steckte diesen dann in einen Umschlag, mit einem stillen Lebwohl an seine Familie.

Sein Geheimnis war jetzt in ihren Händen.

 

Erster Teil: Die Schlüssel

Erstes Kapitel

Der Anruf kam von einer unbekannten Nummer. Michelle hätte ihn fast ignoriert, aber die Aussicht, einmal mit einem anderen Erwachsenen zu sprechen, war dann doch zu verlockend. Ihre Kinder hielten den Blick auf sie geheftet, während sie vom Spielplatz nach Hause gingen. Offenbar war das Ereignis selten genug, um ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

„Ist da Michelle Jenson?“ fragte der Anrufer.

„Ja. Wer spricht?“ Toll. Ein Werbeanruf.

„Mein Name ist Alex Pratt, und ich rufe für die Richmond Historical Society an.“

Jetzt wurde dem Anrufer auch Michelles ganze Aufmerksamkeit zuteil. „Richmond? In Virginia?“

„Ja, Ma’am. Wir glauben, dass Ihre Familie mit etwas in Verbindung steht, das wir im hiesigen Gerichtsgebäude gefunden haben. Können Sie mir sagen, ob Ihr Ur-Urgroßvater Gao Zhang hieß?“

„Den Vornamen kenne ich nicht, aber Zhang war der Mädchenname meiner Mutter.“

Durch die Leitung hörte sie das Rascheln von Papier. „Ich bin sicher, dann haben wir die richtige Familie. Das hier klingt vielleicht seltsam, aber bitte lassen Sie mich etwas weiter ausholen. Letzten Monat hat die Stadt mit Restaurationsarbeiten an verschiedenen historischen Gebäuden begonnen, darunter auch dem Gerichtsgebäude. Unter den Bodendielen haben Arbeiter eine Holzkiste gefunden, und wir dachten zuerst, es handele sich um eine Zeitkapsel, aber sie enthielt nur einen Brief, der von vier Männern unterschrieben war. Einer dieser Männer war Ihr Ur-Urgroßvater.“ Er räusperte sich. „In dem Brief wurde ein Safe beschrieben, den wir dann auch gefunden haben, in eine Kellerwand eingebaut. Der Safe ist ungewöhnlich, denn er ist mit vier schweren Riegeln verschlossen. Der Brief deutete an, dass die Nachfahren der vier Männer, die ihn unterschrieben hatten, jeweils einen Schlüssel besäßen, und dass wir alle vier Schlüssel bräuchten, um den Safe zu öffnen.“

„Und Sie glauben, ich hätte einen dieser Schlüssel?“ Ihr Sohn zog sie am Arm; sie versuchte, ihn zu ignorieren, um den Anruf ohne Störung beenden zu können.

„Deshalb rufe ich an. Die Männer, die den Brief unterschrieben haben, haben viele Nachfahren, und wir wissen nicht, wer die Schlüssel haben könnte oder ob sie schon vor langer Zeit weggeworfen wurden. Sie sind die Erste aus Ihrer Familie, die ich erreichen konnte, und …“

„Können Sie die Schlösser denn nicht einfach knacken?“ Ihr Schlüsselbund klirrte, während sie die Haustür aufschloss, und die Kinder rannten ins Haus, um sich Trickfilme anzusehen. Nachdem sie ihre Jacke an den Garderobenständer gehängt hatte, ging sie in die Küche und nahm drei Teller aus dem Schrank.

„Vielleicht, aber wir möchten wissen, was diese Männer gemeinsam hatten. Die Historical Society finanziert dieses Forschungsprojekt und möchte den Safe und seinen Inhalt nach Möglichkeit nicht beschädigen, je nachdem, was wir finden. Wir möchten wissen, was diese Männer zu diesem seltsamen Pakt zusammengeführt hat.“

„Seltsam? Warum war er seltsam?“ Sie hörte auf, Zutaten für das Mittagessen zusammenzusuchen, und lehnte sich auf den Küchentresen.

„Historisch betrachtet sollten sich diese Männer eigentlich nicht in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen aufgehalten oder überhaupt im Gerichtsgebäude zusammengearbeitet haben. Ihr Ur-Urgroßvater war der Sohn chinesischer Einwanderer; die anderen drei waren ein irischer Einwanderer, der Enkel eines freigelassenen afrikanischen Sklaven und ein Nachkomme eines der allerersten englischen Siedler.“

„Nun ja, das klingt schon interessant, aber von einem Schlüssel weiß ich überhaupt nichts.“ Vielleicht sollte Alex sich an jemand anderen aus ihrer Familie wenden. Außerdem wäre ihr Mann wahrscheinlich wenig begeistert davon, wenn sie sich an so einer Schatzsuche beteiligen würde.

„Ich verstehe. Aber ich möchte Ihnen sagen, was wir vorhaben. Wir haben uns mit Filmproduzenten in Verbindung gesetzt, die eine Dokumentation über diese Geschichte drehen wollen. Deshalb möchten wir die Familien dieser Männer einbeziehen: wenn das, was in diesem Safe ist, aufregend genug ist, dann werden Sie, Ihre Familie und die anderen Nachfahren porträtiert werden. Die Historical Society übernimmt hierfür alle Reisekosten.“ Er räusperte sich erneut. „Das wird natürlich nur etwas, wenn alle vier Familien ihre Schlüssel finden.“

„Aber wenn in dem Safe nun nichts Wertvolles liegt?“

„Das würde mich sehr wundern. Wir warten solange, bis die Familienmitglieder den Safe selbst öffnen, so dass wir die Entdeckung dokumentieren können. Das Ganze wird viel aussagekräftiger, wenn die Nachfahren dafür nach hundert Jahren die Originalschlüssel verwenden.“

Ihr Verstand registrierte jetzt eine seiner vorherigen Bemerkungen. „Also, wenn ich diesen Schlüssel finde, bezahlen Sie dafür, dass ich nach Richmond fahre und ein Schloss öffne?“ Ich darf verreisen? Umsonst?

„Vorausgesetzt, die anderen drei Nachfahren finden ihre ebenfalls, ja.“

Grant brüllte Sophie an; Michelle musste das hier jetzt schnell zu Ende bringen, bevor der Streit handgreiflich wurde. „Okay, hören Sie, meine Kinder werden langsam ungeduldig. Ich habe Ihre Nummer in meinem Telefon. Ich rufe Sie an, wenn ich irgendetwas über einen Schlüssel herausgefunden habe.“

„Das würde mich sehr freuen.“

Sie trennte die Verbindung, sah nach den Kindern und begann dann, die Sandwiches zu machen.

Nach hundert Jahren einen Schlüssel wiederzufinden war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aber es war wichtig genug, um einen Dokumentarfilm darüber zu drehen, und einmal im Rampenlicht zu stehen, wäre doch eine erfrischende Abwechslung.

Und sie würde verreisen können.

Einmal wegzukommen, war eine spannende Aussicht. Und wenn sie dafür kein Geld ausgeben musste, würde Mark sie vielleicht sogar fahren lassen.

Während sie Erdnussbutter auf einer Scheibe Brot verteilte, hielt sie plötzlich inne. Ihre Hoffnungen zerstoben.

Seit die Kinder geboren waren, hatte sie sie noch nie länger als einen halben Tag alleingelassen. Mark legte großen Wert darauf, dass der Haushalt nach seinen Vorstellungen geführt wurde. Das bedeutete, dass sie die Kinder aufzuziehen und das Haus in Ordnung zu halten hatte, während er arbeiten ging und das Geld für sie verdiente. Überstunden zu machen, damit sie nicht selbst etwas verdienen musste, das war das Opfer, das er brachte. So drückte er es jedenfalls aus, obwohl sie bezweifelte, dass es für ihn wirklich ein Opfer war, da es ihm die Möglichkeit bot, um die Schmutzarbeit bei der Kindererziehung herumzukommen. Wenn sie einmal Zeit für sich haben wollte, dann versuchte er gern Gewissensbisse in ihr zu erwecken; ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und all ihre Zeit und Kraft den Kindern zu widmen, das war das Opfer, das von ihr erwartet wurde.

Aber diesmal würde es anders laufen. Der Historiker hatte sie angerufen, weil ihre Familie an einer wichtigen Sache Anteil hatte. Sie würde nicht zulassen, dass Mark ihr Schuldgefühle einflößte, weil sie mehr darüber herausfinden wollte, selbst wenn er deswegen einen Anfall bekam.

Während sie die Teller für die Kinder auf den Tisch stellte, sinnierte sie darüber nach, wer in ihrer Familie einen alten Schlüssel aufheben würde, und wie es wäre, allein in einen Flieger zu steigen.

Sie unterdrückte ein Lächeln.

****

„Nee, Mann, es geht bis zur Vier hoch.“ Jonah hatte das Spiel der Band unterbrochen, damit er dem möglichen neuen Gitarristen die Akkordfolge vorführen konnte. Er hatte allmählich Zweifel daran, ob es eine gute Idee gewesen war, über die Craigslist jemanden zu suchen. „Versuch’s mal.“

Jonah trat zurück, lehnte sich gegen die Kellerwand, legte eine Hand auf seine Gitarre und schob die andere in seinen Nacken, unter seine wulstigen Dreadlocks. Seine Rastalocken waren vorher schon Gegenstand einer Diskussion gewesen; vielleicht sollte er sie abschneiden, wie Olivia es wollte. Aber der störrische Teil seines Ichs wollte sie behalten, gerade weil sie seine Freundin störten.

Es wäre ihm lieber gewesen, wenn seine Band mal wieder einen Auftritt vor sich hätte, dann hätten sie wenigstens Grund zum Proben. Er und der Schlagzeuger, Chris, der zufällig auch sein Mitbewohner war, jammten oft auch ohne richtig zu üben, aber nur zu zweit konnten sie keine richtige Band bilden. Heute probten sie einen Song, den Jonah geschrieben hatte. Er hatte gelächelt, als die Band ihn zum ersten Mal angespielt hatte, aber sie waren nur durch die erste Strophe durchgekommen, bevor er abgebrochen hatte.

Der Neue spielte die Akkordfolge noch ein paar Mal, bevor der Rest der Band wieder einstieg. Trommelschläge und verstärkte Gitarrenklänge hallten von den Betonwänden zurück. Jonah hörte auf zu spielen, als sein Telefon in seiner Tasche vibrierte; er zog es hervor und blickte auf die unbekannte Nummer. Vorwahl 804? Wo war das? Er ließ den Anruf auf die Mailbox gehen.

Nach der Probe ging Jonah nach oben und rief zurück, Er schielte immer noch auf sein Telefon, als Chris neben ihm in der Küche auftauchte. Chris legte seine Drumsticks auf den Tisch. „Hey Mann, warum so ernst?“ Er ging zum Kühlschrank und schnappte sich ein Bier, sein übliches Ritual nach dem Jam.

Das Bier erinnerte Jonah daran, dass er seinen Mitbewohner noch auf den ungleich verteilten Bierkonsum ansprechen wollte; er war es allmählich leid, Chris’ Bierbedarf mitzubezahlen. Aber dieses Gespräch musste noch warten.

„Mich hat so ein komischer Typ angerufen, als wir unten waren. Hab ihn gerade zurückgerufen.“

Chris setzte sich an den Tisch, starrte Jonah an, und nahm einen kräftigen Schluck Bier.

„Schon gut.“ Er erzählte Chris alles, was der Historiker über das Gerichtsgebäude, die Kiste, die fehlenden Schlüssel und den möglichen Dokumentarfilm gesagt hatte.

„Hui, mysterioso.“ Chris kicherte. „Und, wirst du danach suchen?“

Jonah steckte sein Telefon ein und ging zum Kühlschrank. „Ich weiß nicht. Vielleicht rufe ich mal meinen Dad an. Der Typ meinte anscheinend, dass unser Vorfahr der irische Einwanderer war, der den Brief unterschrieben hat.“ Er benutzte den magnetischen Flaschenöffner, um sich ein Bier aufzumachen, und schnippte den Kronkorken ins Spülbecken, wo er von rostfreiem Stahl und schmutzigem Geschirr zurückschepperte. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, fügte er hinzu: „Klingt irgendwie wie so ein schlechter Witz, oder? ‚Ein Ire, ein Chinese, ein Schwarzer und so ein Siedler-Typ gehen vor Gericht …‘“

Chris lachte. „Das möchte ich gern sehen, wenn dich so ein miefiger Historiker vor eine Kamera stellt.“

„Yeah, wenn er mich über Skype angesprochen hätte, hätte er wahrscheinlich nichts von dem Film gesagt.“ Er nahm noch einen Schluck und dachte über die Idee nach. Wenn diese Schlüsselsache wichtig genug war, um einen Film daraus zu machen, dann lohnte es sich vielleicht auch, etwas Zeit hineinzustecken. Er zog sein Telefon wieder hervor, als aus Chris’ Tasche ein Alarmton klang.

Chris blickte auf das Display. „Verdammt, noch so eine Wintersturmwarnung. Wenn es wenigstens wirklich Winter wäre. Soll ich noch Bier holen?“

Jonah grinste. „Ja, mach das.“ Er fand den Eintrag, den er suchte, und atmete durch, um sich für ein Gespräch mit seinem Vater zu wappnen.

****

Damien saß allein in der hellen Cafeteria, nachdem er seinen geschwätzigen Kollegen erfolgreich aus dem Weg gegangen war. Sein kurz bevorstehender Abgabetermin ließ nichts anderes zu: je weniger Zeit er mit Essen und Smalltalk verbrachte, desto mehr Zeit hatte er, die Feinheiten seiner neuen Wasseraufbereitungsidee weiterzuentwickeln. Er hatte sich angewöhnt, ein Notebook in die Mittagspause mitzunehmen, und selbst wenn er nichts für sein Projekt zu tun hatte, hielt es doch die anderen Mitarbeiter von seinem Tisch fern, wenn er so beschäftigt tat.

Er räumte seinen Essplatz auf, ging zum Fahrstuhl und nippte dabei an seiner Wasserflasche. Er sog Luft durch die Zähne und sah in seinem Spiegelbild in der Tür nach, ob noch Essensreste darin steckten.

„Damien! Hey!“

Sydney winkte ihm vom Ende des Saals zu. Sie hielt einen unordentlichen Papierstapel in der anderen Hand, und mit der eben noch winkenden Hand rückte sie ihre Brille zurecht, die auf ihrer braunen, gewellten Frisur ruhte. Sie ging auf ihn zu.

Die Höflichkeit zwang ihm ein Lächeln ab, aber er hoffte, dass der Fahrstuhl vor ihr eintreffen würde. Was nicht geschah.

Sie sah hoch, um ihm in die Augen zu sehen. „Hast du von Steves Projekt gehört? Es wird in der Raumstation eingesetzt!“ Ihre Augen schienen sich fast aus dem Kopf zu schieben, während sie sprach.

„Wirklich? Ist ja toll.“

„Ja, ist es auch. Er hat wirklich hart daran gearbeitet. Und wie läuft es mit deinem Projekt?“

„Arbeite noch dran.“ Er machte eine Geste mit dem Notebook.

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und er trat ein. Aus irgendeinem Grund folgte sie ihm.

„Isst du nichts?“ Er drückte den Knopf für den dritten Stock.

„Mach ich gleich. Ich habe das Gefühl, ich komme überhaupt nicht mehr dazu, mit dir zu reden, seit sie mich in ein anderes Büro versetzt haben.“

Damien wusste, das Sydney mehr von ihm wollte als nur einen Gesprächspartner, aber er hatte immer eine professionelle Distanz gewahrt. Er hatte kein Interesse daran, in die Dating-Szene einzusteigen. „Ich versuche einfach, mich zu konzentrieren, verstehst du?“

Sie grinste. „Ja, ich weiß schon.“ Die Türen öffneten sich wieder, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Jedenfalls schön, dich zu sehen.“

„Dich auch.“ Er trat aus Sydneys Reichweite heraus und wandte sich nach links den Gang hinunter. Einen Augenblick später klingelte der Mailboxalarm seines Telefons. Jemand musste ihn angerufen haben, während er im Aufzug im Funkloch saß.

Er hörte sich die Nachricht an: ein Historiker namens Alex aus Richmond wollte mit ihm sprechen. Als er zurückrief, fragte Alex ihn nach einem Schlüssel, der im Besitz seiner Familie sein könnte.

„Sie glauben, dass vier Familien es fertiggebracht haben, vier Schlüssel ein Jahrhundert lang aufzuheben?“ fragte Damien und hoffte, der andere würde hören, wie lächerlich das Ganze klang, und ihn vom Haken lassen.

„Uns ist klar, dass das äußerst unwahrscheinlich ist. Aber es ist nun mal unser Job, nach der Wahrheit über unsere Geschichte zu suchen und historische Gegenstände zu bewahren. Wir wären nachlässig, wenn wir die Familien der beteiligten Männer außer Acht ließen.“ Alex berichtete ihm, dass sie eine Dokumentation darüber anfertigen wollten.

Damien marschierte ruhelos in seinem Labor herum; allein schon die Idee, vor einer Kamera zu stehen, machte ihn nervös. „Ich bin mitten in einem Projekt für meine Arbeit.“ Kapier das doch bitte.

„Mir ist klar, dass Sie viel zu tun haben, Mr. Thomas, aber wir würden uns über jede Unterstützung freuen, die Sie leisten könnten. Vielleicht können Sie uns auf ein anderes Familienmitglied verweisen, das uns weiterhelfen könnte?“

„Sie haben noch mit niemand anderem gesprochen?“

„Nein. Ich habe andere angerufen, aber Sie waren der erste, der zurückgerufen hat.“

Verdammt. Manchmal hatte es Nachteile, immer so korrekt zu sein.

Er fühlte sich aufgefordert, etwas Sinnvolles zu sagen; er versuchte, nicht als kompletter Trottel dazustehen. „Ich werde schauen, was ich finden kann, aber ich kann mich vielleicht nicht so schnell wieder melden.“

„Das ist in Ordnung. Wenn Sie feststellen, dass Sie uns nicht helfen können, geben Sie das Ganze gern an jemand anderen aus Ihrer Familie weiter. Sie haben ja meine Nummer.“

Damien beendete das Gespräch und versuchte, seine Aufmerksamkeit wieder dem Projekt auf seinem Tisch zuzuwenden. Er konzentrierte sich abwechselnd darauf und auf seinen Computer, aber er hatte Mühe, seine Konzentration aufrechtzuerhalten.

Der Kerl wusste von seinem Urahnen, dem Sklaven, der seine Freiheit erlangt hatte, als Lincoln die Proklamation der Emanzipation erlassen hatte. Oder wenigstens wusste er vom Enkel dieses Sklaven. Und wenn es nur vier Männer waren, die mit diesem Geheimnis in Virginia in Verbindung standen, einem Geheimnis, das in einem Film dokumentiert werden sollte, dann war sein Urahn vielleicht an einer wichtigen Sache beteiligt.

Er machte noch einen Anruf, nachdem er seine Aufmerksamkeit ein drittes Mal hatte umlenken müssen. Zehn Minuten später hatte er den Plan gefasst, das Haus seiner Mutter in Las Vegas zu besuchen. Er hoffte, dass das Ganze die Mühe wert war.

****

Sharon sah durch das Fenster auf den fallenden Regen und genoss den ersten Montagmorgen ihres Ruhestands. Sie lauschte der Stille nach, die ihr kleines Haus beherrschte, eine Stille, die sie in den drei Jahren seit Cliffs Tod verstehen gelernt hatte.

Sie ging zum Waschtisch im Bad und bändigte ihr blondes, ergrauendes Haar mit einem Haarband, bevor sie eine Trainingshose und ein schmuddeliges T-Shirt anzog. Sie hatte am Wochenende begonnen, das Wohnzimmer neu zu streichen. Das würde nicht von selbst fertig werden, und sie hatte die Absicht, nach dem Frühstück weiterzumachen.

Als sie in die Küche kam, schaltete sie den Kaffeevollautomaten für eine Tasse Kaffee ein. Während dieser sich aufheizte, steckte sie zwei Brotscheiben in den Toaster und drehte ihr Radio an.

Der Radiosprecher sprach über die jüngste Ölpest. Sie schüttelte den Kopf und fragte sich, ob ihre Enkel wohl noch einen sauberen Ozean erleben würden, wenn sie sie in den Frühjahrsferien in ihre Wohnung am Strand mitnehmen würde. Sie nahm sich vor, ihre Cousine anzurufen, die erst vor kurzem einen Sitz im US-Senat errungen hatte. Vielleicht konnte diese ja etwas ausrichten und die Ölfirma in den Griff bekommen.

Das Klingeln ihres Festnetztelefons mischte sich mit dem Geräusch des Kaffeebereiters und der brabbelnden Radioleute.

Der Anrufer stellte sich als Alex Sowieso vor und erzählte ihr von einer verborgenen Kiste in einem Gerichtsgebäude in Virginia, aber erst, als sie bestätigte, das ihr Urahn einer der ursprünglichen Siedler von Jamestown gewesen war – Anlass für Stolz in ihrer Familie. Ihre Cousine hatte es sogar im Wahlkampf erwähnt. Alex fragte nach einem Schlüssel, den ihr Urgroßvater besessen haben könnte.

„Was für eine Art Schlüssel?“ fragte sie.

„Einer, der groß genug ist, einen Riegel zu öffnen. Vermutlich aus Messing. Kennen Sie etwas in der Art?“

„Nicht genau, aber ich werde nachsehen.“ Ihr Toast war herausgesprungen, und sie wollte ihn gern mit Butter bestreichen, bevor er abgekühlt war.

„Vielen Dank. Da wäre noch etwas.“ Er sagte ihr, dass er einen Dokumentarfilm darüber machen wollte, wie sie und die anderen Nachfahren den Safe öffneten.

Was immer darin verborgen war, war wertvoll genug, vier Menschen den Flug zu bezahlen und eine Filmcrew anzuheuern. Vielleicht sollte sie wirklich nach dem Schlüssel suchen.

„Kann ich Ihnen meine Nummer geben?“ fragte er.

„Sicher.“ Sie schrieb seinen Namen und die Nummer auf einen Notizblock, hing das Telefon ein und schaltete ihren Toaster wieder ein, auf der kleinsten Stufe, um ihr Frühstück wieder aufzuwärmen.

Am gleichen Nachmittag erhob sich Sharon und streckte sich, nachdem sie den letzten Strich blattgrüne Farbe oberhalb der Fußleiste aufgetragen hatte. Sie bewunderte ihr Werk und lächelte bei dem Gedanken, dass Cliff es niemals zugelassen hätte, eine so kräftige Farbe an einer Wand ihres gemeinsamen Hauses aufzutragen. Sie lachte, als sie sich seine Reaktion vorstellte, wenn er es sehen würde.

Nachdem sie ihre Malutensilien gereinigt und aufgeräumt hatte, ging sie nach oben, um zu duschen. Sie hatte sich in einer Stunde mit einer Freundin zum Essen verabredet, und sie wollte sich nicht verspäten. Während sie ein paar braune Hosen und eine violette Strickjacke für den Abend auswählte, sinnierte sie über das Gespräch mit Alex nach.

Wie konnte er so viel über ihre Familie wissen? Es gab nicht sehr viele Menschen, die von sich sagen konnten, dass ihre Ahnenreihe bis in die Jamestown-Siedlung zurückreichte, und wenn sie in einem Film auftreten würde, dann würde sie wahrscheinlich auch darüber reden. Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie irgendwo einen Schlüssel gesehen hatte wie den, den Alex meinte.

Sie legte ihren Schmuck an und ging wieder nach unten. Wie üblich warf sie auf dem Treppenabsatz einen Blick auf die Collage, die ihre Großmutter – die Tochter von Sharons kistenversteckendem Urgroßvater – ihr viele Jahre zuvor geschenkt hatte. Ihre Großmutter hatte eine Darstellung eines Hauses im Kolonialstil angefertigt und dafür eine Vielfalt von Gegenständen verwendet: eine Münze, ein paar Knöpfe, eine Patronenschachtel, einen Flaschenverschluss.

Und einen Schlüssel.

Sie nahm ihre Lesebrille von ihrer Stirn und rückte sie direkt vor ihre Augen. Sie schielte, beugte sich zu dem Bild herunter und versuchte, den Schlüssel näher in Augenschein zu nehmen. Er war zum Teil durch ein Streichholzbriefchen verdeckt. Sie wog ihre Möglichkeiten einen Augenblick lang ab und entschied dann, was zu tun war.

Sie nahm die Collage von der Wand und trug sie auf ihren Esszimmertisch. Dort entfernte sie die Rückseite des Rahmens und legte die Arbeit ihrer Großmutter frei. Mit den Fingern glitt sie über den Teil des Schlüssels, den sie berühren konnte.

Ihre Großmutter hatte darauf bestanden, dass Sharon die Collage behalten sollte, und ihr das Versprechen abgenommen, sie nicht zu verlieren oder zu verkaufen. Vielleicht enthielt sie etwas Wichtiges, und wenn dies der Schlüssel zu einem Geheimnis in Virginia war, dann könnte es sich sicherlich darum handeln.

„Tut mir leid, Grandma“, sprach sie in Richtung Zimmerdecke und begann, die Collage auseinanderzunehmen. Nachdem sie einen kleinen Teil beschädigt hatte, hielt sie den dunklen, messingfarbenen Schlüssel in der Hand. Er schien alt zu sein, aber sie hatte keine Möglichkeit festzustellen, ob dies der Schlüssel war, von dem Alex hoffte, sie würde ihn finden. Sie trug ihn in die Küche und las die Nummer auf dem Notizblock nach. Nach dreimaligem Klingeln meldete er sich mit Namen. „Alex Pratt.“

„Hallo, Mr. Pratt, hier ist Sharon Ellis. Sie haben mich heute Morgen wegen eines Schlüssels angerufen.“

„O ja, natürlich.“

„Ich glaube, ich habe ihn gefunden.“

 

 

=== Ende des ersten Kapitels und damit auch Ende der Leseprobe === zurück zur Buchbeschreibung